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Die Anderen

Aktualisiert: 29. Jan. 2023

| Fragment | aus "Aus dem Leben einer Tänzerin"


Foto: Kazuo Ota


Ihre Muskeln spannen sich, wie ein Reflex. Sie beobachten sie. Das kann sie spüren, ohne Hinzuschauen. Ihre Haltung, noch aufrechter. Beinahe leblos starrt sie aus dem Fenster, heftet ihren Blick an vorüberfliegende Bäume und menschenbehauste Neubauzeilen. Die täglichen Fahrten zum Training. Wie gerne würde sie darauf verzichten. Zu nah, viel zu nah, die Anderen. Distanz schaffen. Sie muss unbedingt Distanz schaffen. Denn da war nichts Gemeinsames. Nicht mehr. Seit dem Tag, an dem sie Tänzerin geworden war. Seitdem sind sie die Anderen. Menschen der normalen Welt. Statisten. Ihre Blicke; Neid, Missgunst, Argwohn, Eifersucht, Skepsis, Bewunderung? Alles nur Einbildung? Wie schauen, wenn sie auf sie schauen. Sie fühlt sich unwohl, so nah bei ihnen. Die Bühne ist ihr lieber. Dort ist sie sicher. Getrennt von ihnen, die fern von ihr atmen, die sie hören und spüren kann und denen sie dort, und nur dort, den Zugang zu ihrer Seele gestattet. Bis der Vorhang fällt und sie nach dem Verebben des Applauses in die Nacht entschwinden; die Anderen, auf die eine oder andere Weise berührt, sie selbst erschöpft in kalte, leere Laken.


© Jeanette Ghyczy

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